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Geschichte der Orgel

Die Orgel der Klosterkirche Grafrath     Disposition:  vor 190219032005

Die Kloster- und Wallfahrtskirche Grafrath besitzt ein prachtvolles Orgelgehäuse aus der Erbauungszeit der Kirche, also etwa von 1695.
Bei der Umgestaltung der Kirche im Rokokostil um 1750 blieb das Orgelgehäuse ebenso wie die Seitenaltäre erhalten und bildet mit diesen in der braun-goldenen Farbgebung einen hochbarocken Kontrast zum
übrigen Raumbild. Das große Fresko der Heiligen Cäcilia wird von den beiden mächtigen Pedaltürmen umrahmt.
Der fünffeldrige Orgelprospekt nimmt mit seinen halbkreisförmigen Gesimsen der großen Außenfelder Dimension und Form der großen Fenster der Kirche auf. Die drei mittleren Felder werden nach oben von reichem Akanthusschnitzwerk abgeschlossen, das außerdem die Schleier der Pedaltürme sowie die seitlichen Ohren bildet.
Die Pfeifen der Mittelfelder (Principal 8’, C – cs’) bestehen heute aus Zink. Eine Besonderheit stellen die zehn
16’-Pfeifen der Pedalfelder aus Holz (C - cs° bei kurzer Oktav?) dar; sie stellen das Instrument in die Reihe der berühmten Barockorgeln von Fürstenfeld und Maihingen. Beim Einbau der Siemann-Orgel 1903 wurden die nunmehr stummen Holz-Prospektpfeifen zur Platzgewinnung in der Tiefe beschnitten. Sie sollten bereits 1955 beseitigt werden (s. u.), und wären außerdem beinahe noch 2004 dem „Gutachten“ eines Sachverständigen aus München zum Opfer gefallen! (Die Begutachtung durch den OSV des Bistums Augsburg, auf dessen Terrain die Klosterkirche steht, bestätigte dann selbstverständlich das Alter und die Originalität der Pfeifen.)
Die Namen des Schöpfers des Orgelgehäuses sowie des Erbauers des barocken Spielwerkes konnten bisher nicht ermittelt werden. Die Jahreszahl einer Orgelerneuerung 1749 im bisherigen Kirchenführer könnte sich, wenn überhaupt, auf eine größere Arbeit am Spielwerk beziehen.
Aktenkundig sind eine Instandsetzung 1824 durch Karl Wirth aus Augsburg sowie eine Reparatur 1866 durch Georg Beer (Erling/Andechs). Dessen Sohn Johann Georg erbaute übrigens 1888 die Orgel der
Mauritiuskirche in Grafrath-Unteralting.
Einer Begutachtung des Werkes durch Willibald Siemann (München) am 8. August 1902 verdanken wir die Kenntnis der Disposition zum damaligen Zeitpunkt:

bis 1902:

1903
2005

Manual

 

 

Pedal

 

Principal

8’

 

Principalbass

16’

Prästant

8’

 

Subbass

16’

Gamba

8’

 

Octavbass

8’

Coppel

8’

 

Mixturbass

1’

Oktav

4’

 

Pedalcoppel

 

Flöte

4’

 

 

 

Quint

3’

 

 

 

Superoctav

2’

 

 

 

Spitzflöte

2’

 

 

 

Terz

1 3/5’

 

 

 

Quint

1 1/3’

 

 

 

Flageolet

1’

 

 

 

Mixtur 3f.

 2’

 

 

 

Mixtur 2f.

1’

 

 

 

Cimbel

½’

 

 

 

Auffallend, jedoch für Süddeutschland keineswegs untypisch, ist neben der starken Betonung der 8’-Lage die italienisch anmutende Aufteilung des Principalchores im Manual. Auch die Pedalbesetzung nur mit Grundstimmen und einer “einsamen” Klangkrone ist im (Vor-)Alpenraum nichts Ungewöhnliches.
Siemann befand das Werk veraltet (kurze Oktave) und wegen seiner Einmanualigkeit trotz seiner 19 Register als zu klein. Entsprechend den Klangvorstellungen der Jahrhundertwende seien die ohnehin zu wenigen 8’-Register zu schwach intoniert. Außerdem seien die Holzpfeifen vom Wurm befallen, das alte Zinn […] sehr weich und dünn gehobelt, sowie das Gebläse, bestehend aus vier Keilbälgen, defekt (und natürlich, im Gegensatz zum zeitgenössischen Typus aus Schöpf- und Magazinbalg veraltet).
Siemann empfahl seine Orgelbauanstalt für einen Neubau im alten Gehäuse, der 1903 vollendet wurde. Das Angebot vom 9. August 1902 sah 20 klingende Register zum Gesamtpreis von 6712,- Mark vor. Da die vom hochlöblichen Stadtmagistrat München aus der Grafrather Kerzenstiftung genehmigten 5800 Mark nicht überschritten werden durften, schlug Siemann mit Schreiben vom 17.11.1902 vor, auf die Register Gedeckt 8’ im I. sowie Oboe 8’ im II. Manual zu verzichten. Der Gesamtpreis betrug nun 6000,- Mark, für die fehlenden 200 Mark versprach Superior P. Max aufzukommen.

1903:

1902
2005

I. Man. C – f’’’

 

 

II. Man.

 

Bourdon

16’

 

Geigenprincipal

8’

Principal

8’

 

Dolce

8’

Viola di Gamba

8’

 

Aeoline

8’

Salicional

8’

 

Liebl. Gedeckt

8’

Tibia

8’

 

Fugara

4’

Octav

4’

 

 

 

Rohrflöte

4’

 

Pedal C – d’

 

Octav

 2’

 

Violon

16’

Mixtur 4f.

2 2/3’

 

Subbass

16’

 

 

 

Octavbass

8’

Manualcoppel

 

 

Cello

 8’

Super II/I

 

 

 

 

Pedalcoppel I u. II

 

 

 

 

1 freie Combination, Festcombinationen

Die Steuerung der Kegelladen erfolgt pneumatisch. Der Spieltisch kam mittig vor der Orgel mit Blickrichtung des Organisten zum Altar zu stehen. Hinter den äußeren vier Prospektfeldern stehen C- und Cis-Lade des I. Manuals, die Register des II. Manuals befinden sich im Unterbau, die des Pedals hinter dem Gehäuse.
Prof. Josef Becht aus München verfasste am 11. Juni 1903 das Abnahmegutachten:

Gutachten.

Die von den Orgelbauanstalt Willibald Siemann in München, Steinheilstr. No. 7, für die Kloster- und Wallfahrtskirche in Grafrath neuerbaute Orgel zu 18 klingenden Registern, verteilt auf zwei Manuale und Pedal, nebst Nebenzügen, Druckknöpfen und freier Combination, habe ich einer eingehenden Untersuchung unterzogen u. mich hiebei überzeugt, daß obengenannte Firma ein hervorragend schönes Werk geschaffen hat. – Die einzelnen Register, namentlich Gamba 8’, Salicional 8’ u. Rohrflöte 4’ im I. Manual, sodann Geigenprincipal 8’ u. Dolce 8’ im II. Manual, sowie Violin 16= und Cellobaß 8’ sind sehr charakteristisch, tadellos ansprechend u. von ausgezeichneter Wirkung. Der Klang der einzelnen Registergruppen, wie auch der vollen Manuale, welche noch durch die Octavcoppel zu großer Tonfülle gesteigert werden kann, ist durchaus nobel u. den räumlichen Verhältnissen der Kirche entsprechend.
Durch Anbringung der Röhrenpneumatik u. Relais ist ein äußerst glattes, augenblicklich funktionierendes Spiel ermöglicht, wobei durch völlig genügende Windzufuhr durch den Magazinbalg in die Windladen (Kegelladen) eine tadellos ruhige Tonentwicklung gegeben ist. – Die Intonation des ganzen Werkes darf (also) als durchaus künstlerisch bezeichnet werden. – Wenn ich schließlich noch bemerke, daß sowohl Holz- als Zinnpfeifen aus bestem Material sorgfältigst gearbeitet sind, so glaube ich erschöpfend meine Anerkennung ausgesprochen zu haben u. gratuliere ich dem Erbauer u. den Förderern dieses schönen Werkes herzlich.

Im Jahre 1917 mussten die Zinnpfeifen des Prospektes für Kriegszwecke abgegeben werden; sie wurden 1927 durch Hans Eisenschmid (München) in Zink ersetzt (Kosten mit Stimmung und Nachintonation der Orgel: 587 Mark; Siemann selbst hatte übrigens Interesse an diesen Arbeiten angemeldet).
1938 führte Orgelbauer Josef Herzog aus Gernlinden eine Entstaubung des Werkes zu 90 RM. durch.

Eine weitere Reinigung und Stimmung erfolgte 1955 durch Leopold Nenninger (München). Dabei wurden außerdem Änderungen im Sinne der Orgelbewegung durchgeführt: die Mixturzusammensetzung wurde verändert (nunmehr 4f. 1 1/3’, ohne Terzchor), das II. Manual erhielt eine Zimbel 2f. 1 1/3’. Orgelbaumeister Nenninger schrieb am 23.08.1955 an P. Autbert Karg:
[...] Die Zimbel im II. Manual haben wir nur zweifach angelegt um so (nachdem im II. Man. weder eine Aliquote noch ein 2’ vorhanden ist) die Möglichkeit zur Soloregistrierung zusammen mit einem einzigen 8’-Register zu geben. Auf diese Weise haben wir eine (wenn auch kleine) „Klangkrone“ und eine „Mischstimme“ gewonnen. An der Mixtur werden Sie die Änderungen wohl selbst merken, jetzt – nachdem die Terzen heraussen sind und die Oktaven und Quinten obertöniger intoniert sind – gibt sie dem Hauptmanual Glanz und Frische. [...]
Der vorgesehene Einbau eines Crescendotrittes in den alten Spieltisch erwies sich, obwohl der Apparat bereits fertiggestellt war, als nicht durchführbar. Außerdem legte Nenninger auch ein Angebot über „10 Prospektpfeifen in 16’-Länge aus Zink“ zum Preis von 690,- DM vor, das glücklicherweise ebenfalls nicht ausgeführt wurde.

Um 1970 wurde durch Alois Wölfl (Unterflossing) der originale Spieltisch entfernt, ein gebrauchter größerer kam um 90 ° gedreht seitlich zur Aufstellung. Das Register Octav 2’ wurde auf neuer Zusatzlade ins II. Manual versetzt, das I. Manual erhielt dafür eine neue Spitzflöte 2’. Im II. Manual wurde Dolce 8’ zu Quint 2 2/3’ abgeschnitten. Aeoline 8’ wurde auf Schwebung gestimmt.

Eine weitere umfassende Überholung der Orgel erfolgte in den Jahren 1989/90 durch die Firma G. F. Steinmeyer & Co. (Oettingen). Neben einer Reinigung des Instrumentes wurde die vorhandene Zusatzlade des II. Manuals mit den neuen Registern Traversflöte 4’ und Cornett 1-3f. 2 2/3’ bestückt. Das I. Manual erhielt auf einer neuen Zusatzlade eine Trompete 8’, das Pedal eine Posaune 16’. Das Register Dolce 8’ wurde wieder angelängt, Octav 2’ ins I. Manual zurück versetzt. Die originale Mixturzusammensetzung im I. Manual wurde wiederhergestellt, Zimbel im II. Manual entfernt. Ein neuer pneumatischer Spieltisch (von der Firma Eisenschmid in Erling gefertigt), dem ursprünglichen mit seinen terrassenförmig angeordneten Registerzügen nachempfunden, sowie pneumatische Zwischenrelais für I. Manual und Pedal vervollständigten die Arbeiten zunächst.

Noch während der laufenden Arbeiten gelang es dem damaligen Pfarrer, Unterlagen, darunter das oben erwähnte Originalangebot Siemanns, im Archiv des Klosters aufzufinden. Hätte man zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe im Jahr 1988 Kenntnis dieser Dokumente gehabt, wäre die Herstellung der ursprünglich vorgesehenen Originaldispositions Siemanns außer Frage gestanden.

Die Unzufriedenheit mit dem nunmehrigen Klangbild, bedingt vor allem durch eine unpassende, barock orientierte Mensurierung der beiden Zungenregister sowie die doppelten Terzen in Mixtur und Cornett, veranlasste die Verantwortlichen, eine erneute Reinigung nach der großen, 2004 beendeten Innenrenovierung der Kirche zum Anlass zu nehmen, die Disposition nach dem wieder aufgefundenen Angebot Siemanns von 1902 herzustellen. Darüber hinaus wird Traversflöte 4’ (II) erneuert; die Pedalposaune wird durch Quintbass 10 2/3’ ersetzt. Die Arbeiten werden von Orgelbaumeister Andreas Offner aus Kissing (Intonation: Stefan Niebler) ausgeführt.

Die Disposition der Orgel der Grafrather Klosterkirche stellt sich ab Sommer 2005 nunmehr folgendermaßen dar (nach der Stellung der Register auf den Windladen):

Sommer
2005:

1902
1903

I. Man. C – f’’’

 

 

II. Man.

 

Principal

8’

 

Fugara

4’

Octav

4’

 

Geigenprincipal

8’

Viola di Gamba

8’

 

Dolce

8’

Salicional

8’

 

Aeoline

8’

Tibia

8’

 

Liebl. Gedeckt

8’

Bourdon

16’

 

+Oboe

8’

Rohrflöte

4’

 

Traversflöte

4’

Mixtur 4f.

2 2/3’

 

 

 

Octav

 2’

 

Pedal C – d’

 

+Gedeckt

8’

 

Octavbass

8’

 

 

 

Subbass

16’

 

 

 

Violon

 16’

 

 

 

Cello

8’

+ ab Sommer 2005

 

 

+Quintbass

10 2/3’

Manualcoppel,  Super II/I, Sub II/I, Pedalcoppel I u. II
1 freie Combination*, Festcombinationen*: p, mf, f, ff; Auslöser*
Crescendotritt, Cresc. ab*, HR z. Cresc.°, Koppeln aus Cresc.°
   ° als Druckknopf
   * als Druckknopf und Tritt

Literatur:
Kloster Grafrath, Orgelakte
Festschrift 1990

Autor: Thomas Friese, April 2005

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